Selbst genug

Warum ein junges, erfolgreiches Paar auf das chinesische Wirtschaftswunder pfeift und lieber alleine auf einem Berg lebt.


Tang Guanhuas Abschied von seinem bisherigen Leben begann mit einer Sexparty. Er machte als Webdesigner blendende Geschäfte, die Firmen in seiner Heimatstadt Qingdao rissen sich um seine Dienste, als ihn ein Kunde auf eine Geschäftsreise ins südchinesische Macau einlud. Sie verhandelten über Aufträge, vor allem aber feierten und tranken sie viel, und eines Abends gingen sie in einen Sexklub. Auf der Bühne fand eine Gangbang-Party statt, Bedienungen verteilten Kondome. Aber Tang blieb im Zuschauerraum sitzen. Ihn erschreckte die Gier in den Augen der Männer. Und er merkte, dass er selbst auf dem Weg war, einer von ihnen zu werden. Er hatte schon davor ab und zu Zweifel an seinem Lebensstil, "aber plötzlich fing ich an, über den Sinn meines Lebens nachzudenken. Ich merkte, dass ich nicht so sein wollte".

Diese Gedanken gingen ihm nicht aus dem Kopf, und er fasste den Beschluss, etwas zu verändern. Zurück in Qingdao schloss er sich einer Gruppe politischer Konzeptkünstler an. Er reiste mit ihnen nach Peking, stellte sich auf den Platz des Himmlischen Friedens und blickte mit verbundenen Augen in Richtung des Mao-Bildnisses am Eingang zur Verbotenen Stadt. Er spürte, er war auf dem richtigen Weg. Aber das Echo der Kunstaktionen verhallte schnell und erreichte nur wenige.

Da kam ihm die Idee, eine Gemeinschaft zu gründen, unabhängig, autark, fern vom schnellen Leben in der Stadt. Er las die Bücher des Briten John Seymour, eines Pioniers der Selbstversorgerbewegung: "Das große Buch vom Leben auf dem Lande" und "Selbstversorgung aus dem Garten". Dann stieg Tang auf den Laoshan, den Berg im Osten von Qingdao, und suchte nach einem Grundstück für eine sich selbst versorgende Gemeinschaft.

Fünf Jahre später, an einem Mittwoch Ende Juni, steht Tang Guanhua, 26, auf einem Felsvorsprung und zeigt ins Tal. Der Laoshan ist gut 1100 Meter hoch, viele Tempel stehen hier, er gilt als eine der Wiegen des Taoismus. Im Frühling blüht die Kirsche, im Sommer reifen die Aprikosen; ein Idyll aus Schönheit und Reinheit. "Ich habe mich nirgends wohler gefühlt als hier", sagt Tang, er trägt jetzt selbst genähte Kleidung. Die Teller, von denen er isst, sind selbst gemacht. Der Strom ist selbst produziert, alle Nahrungsmittel natürlich auch.

Als er auf dem Laoshan ankam, pachtete Tang von einem Bauern ein Grundstück, so groß wie ein Eishockeyfeld, im Jahr bezahlt er umgerechnet rund 360 Euro dafür. Dann gründete er die Organisation "Project Anotherland", die sich durch Spenden finanziert. Danach begann er, eine Holzhütte zu zimmern. Zu Beginn der Bauarbeiten wusste Tang nichts über Bautechniken oder Materialien, auch seine freiwilligen Helfer hatten keinerlei Erfahrung. Sie mussten jeden Schritt lernen, nicht alles klappte sofort, weshalb der Bau ein wenig länger dauerte, als gedacht. "Wir haben für die Hütte mehr als zwei Jahre gebraucht", sagt Tang. "Die alten Bauern hätten sie wahrscheinlich in zwei Wochen fertig gehabt."

Tang lernte, wie man aus Bambus ein Dach fertigt. Wie man ein Fahrrad zu einem Stromgenerator umfunktioniert. Wie man Obst und Gemüse anbaut. Wie man Schuhe näht und Bier braut. Er lud Experten ein, die ihm all das zeigten und erklärten. Tangs Frau Xing Zhen fand seine alternativen Anwandlungen anfangs seltsam. Doch nachdem Tang ein Jahr auf dem Laoshan gewohnt hatte, kündigte auch die 31-Jährige ihren Job als Wertpapiermanagerin und zog zu ihm. "Es war wie eine Erleuchtung", sagt sie heute. Nur, dass es auf dem Berg keine Dusche gibt, findet sie noch immer blöd.

Jahrzehntelang strömten die Chinesen in die entgegengesetzte Richtung, vom Land in die Stadt. Derzeit leben etwa 270 Millionen chinesische Wanderarbeiter fern ihrer Heimat in den wohlhabenden Metropolen der Ostküste, wo sie Arbeit, Aufstieg und Anerkennung suchen. Doch mit Chinas wachsendem Wohlstand entsteht auch eine Gegenbewegung, mittelfristig könnte sogar so etwas wie Stadtflucht einsetzen. Nach Berechnungen der Boston Consulting Group haben die Asiaten mittlerweile mehr Privatvermögen angehäuft als die Europäer, voraussichtlich 2016 werden sie die Nordamerikaner überholen. Doch mit dem Reichtum kommt auch die Übersättigung. Und so ist Tang der Vorbote einer postmaterialistischen Generation, für die ein Mercedes nicht mehr das Maß aller Dinge ist.

Noch aber ist Tangs Lebensweg so ungewöhnlich, dass die Journalisten sich in seiner Berghütte die Klinke in die Hand geben. Das Staatsfernsehen hat bereits mehrfach über ihn berichtet. Oft bestimmt Skepsis die Berichterstattung, als wäre Tang derjenige, der etwas falsch gemacht hat. In den Kommentarspalten unter den Artikeln und in seinem Blog wird er gefeiert – aber noch öfter angefeindet. "Ich verachte dein Verhalten", schreibt da einer, "du bist doch nur ein Aussteiger!" Oder ein anderer: "Du behinderst den gesellschaftlichen Fortschritt. Solch asoziales Verhalten sollte verboten werden."

Tang fühlt sich dann missverstanden. Er sieht sich nicht als zivilisationsmüden Eremiten, der auf einem heiligen Berg die Erlösung sucht. Für ihn ist "Project Anotherland" ein Experiment, ganz ohne Dogmen. Wenn er mal keine Lust auf die Berghütte hat, schläft er in dem benachbarten Backsteinhaus. Er lernt Dinge, dann probiert er etwas Neues. Was er gelernt hat, dokumentiert er in Tutorials, die er auf der chinesischen Videoplattform Youku veröffentlicht. Ende des Jahres will Tang drei Monate lang 60 Menschen all die Fertigkeiten weitergeben, die er sich im Laufe der Jahre angeeignet hat. Gesponsert wird er dabei von der Stiftung des Onlineriesen Alibaba. "Der Berg ist nicht mein Rückzugsort", sagt Tang. "Er ist mein Arbeitsplatz."

Erschienen am 25. Juli 2015 in DER SPIEGEL (31/2015). 

Foto: Maximilian Kalkhof