Der böse Deutsche

Christoph Rehage war der wohl bekannteste Deutsche auf Chinas Twitter-Pendant Weibo. 800.000 User lasen seine Beiträge. Dann machte er sich bei den Zensoren unbeliebt - mit drastischen Folgen.


Der Shitstorm, der Christoph Rehages digitale Existenz vernichtet, kündigt sich mit Drohungen an. Unbekannte rufen auf seinem Handy an, schreien chinesische Flüche in den Hörer, "Cao ni ma", "F... deine Mutter".

Kurz darauf posten Nutzer in den Kommentarspalten von Rehages Weibo-Account Emoticons von brennenden Kerzen. Sina Weibo ist der größte Mikroblogging-Dienst Chinas, nach eigenen Angaben hat das Twitter-Pendant mehr als 200 Millionen Nutzer. Die Kerzen symbolisieren Rehages virtuelle Beerdigung, die Nutzer tragen ihn zu Grabe.

Er ist zu diesem Zeitpunkt, im Juli 2015, der wahrscheinlich bekannteste Deutsche auf Weibo - mehr als 800.000 Nutzer folgen ihm. Aber Rehage hat einen Fehler gemacht. Er hat in einem Post vorgeschlagen, dass der Modellarbeiter Lei Feng die Volksheldin Hua Mulan schwängern solle. Was er meint: Der Held der Arbeit und die tapfere Kriegerin würden bestimmt ein prächtiges Kind ergeben, einen sozialistischen Superman, mindestens.

Aber der Witz geht nach hinten los. Er wird als obszöne Beleidigung aufgefasst. Wenige Tage später kann sich Rehage nicht mehr in seinen Account einloggen. Schließlich löschen die Zensoren sein Profil komplett: Rehage ist den Weibo-Tod gestorben.

"Der Witz war geschmacklos, kein Frage. Aber er war ein Missverständnis. Mir ging es nicht um den Sex der beiden Helden, sondern um die Tugendhaftigkeit des Kindes", sagt Rehage heute. Der 34-Jährige hat Sinologie in München und Peking studiert und spricht fließend Chinesisch. Seit ein paar Jahren lebt er in Hamburg. Chinesen ist Rehage eher unter dem Namen "Lei Ke" ein Begriff, so nennt er sich auf Mandarin.

Dass er auf Weibo nicht mehr sichtbar ist, ist für Rehage schmerzhaft: Die Chinesen sind ein Teil des Publikums, für das er bloggt und schreibt.

 

4500 Kilometer durch China - zu Fuß

 

Rehage kommt 2009 zu Bekanntheit, als er das Internetvideo "The Longest Way" ins Netz stellt. 2007 ist er von Peking nach Ürümqi gelaufen, vom Nordosten in den Nordwesten Chinas, 4500 Kilometer - zu Fuß.

Das "Time Magazine" wählt das Video, das im Zeitraffer zeigt, wie Rehages Bart während der einjährigen Reise wuchert, auf Platz acht der "Top 10 Viral Videos 2009". Ein chinesischer Verlag übersetzt das Buch, das Rehage über seinen Fußmarsch schreibt, ins Chinesische.

Zurück in Deutschland, meldet sich Rehage 2011 auf Sina Weibo an. Der chinesische Kurznachrichtendienst ist 2009 gegründet worden, in dem Jahr, in dem die chinesische Internetpolizei Facebook und Twitter gesperrt hat.

Anfangs kommentiert Rehage Kultur-Klischees. Seine Posts bescheren ihm Beliebtheit: Seine Follower-Zahl wächst beständig, 2013 erhält er seine erste chinesische Tageszeitungskolumne, zwei weitere folgen später.

 

Kommentare der "50 Cent Party"

 

Rehage sagt, dass viele seiner Weibo-Posts in der "Great Firewall of China", der Begriff steht für die chinesische Internetzensur, hängen geblieben seien. Auch sei er immer wieder Opfer kleinerer Shitstorms gewesen: Hier und da ein Wortgefecht mit Maoisten, ab und zu ein Kommentarschwall der "50 Cent Party", insgesamt aber nichts Schlimmes. "50 Cent Party" nennt man in China gekaufte Trolle, die Diskussionen im Sinne der Kommunistischen Partei zu beeinflussen versuchen.

2015 gelingt Rehage dann der Durchbruch - ausgerechnet mit beißender Kritik. Ein Verkehrsunfall beherrscht die Schlagzeilen, Rehage beklagt sich in einem Video über das chinesische Fahrverhalten und kommt zu dem Urteil, dass "die meisten Chinesen Auto fahren wie Affen".

Er scheint einen Nerv zu treffen: Das Video wird nicht als Verunglimpfung verstanden, sondern als Anlass für eine Diskussion genutzt. "Ich weiß nicht, ob die Deutschen so cool reagiert hätten, wenn ihnen ein Ausländer gesagt hätte, sie können nicht Auto fahren", sagt Rehage. Seine Follower-Zahl steigt auf über 800.000.

 

Shitstorm, diesmal von außen

 

Im Rückblick glaubt Rehage, dass er den Zensoren schon lange ein Dorn im Auge gewesen sei. Auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit habe er gespürt, dass die Luft auf Weibo dünner werde. Das soziale Netzwerk wurde einst als Revolution gefeiert: als das Medium, das den Chinesen die Meinungsfreiheit bringt. Doch seit einigen Jahren werden die Accounts von prominenten Wortführern rigoros "harmonisiert", sprich: gesperrt.

Als Rehage schließlich aus Weibo geschmissen wird, sind die Konsequenzen drastisch: Er verliert seine Kolumnen, eine Nachrichtenseite löscht alle bereits von ihm veröffentlichten Artikel aus ihrem Online-Archiv.

Heute ist Rehage nicht mehr im chinesischen Netz unterwegs. Er ist in amerikanische Netzwerke umgezogen: Twitter, Facebook, YouTube. Sie alle sind in China gesperrt, er ist nur für die Nutzer erreichbar, die die Internetzensur mit technischen Tricks wie einer VPN-Verbindung umgehen. Doch im Dezember 2015 taucht Rehages Name plötzlich wieder im chinesischen Netz auf - mit viel Bohei.

Am Todestag von Mao Zedong sagt ein chinesischer Schauspieler, er wolle des ehemaligen Staatspräsidenten mit drei Kotaus gedenken. Rehage postet ein YouTube-Video, in dem er auf die Folgen von Maos Politik hinweist und ihn mit Adolf Hitler vergleicht. Die Nachrichtenseite des Kommunistischen Jugendverbandes veröffentlicht daraufhin einen Artikel, in dem sie einen Rechtsexperten sagen lässt, Rehages Äußerungen verstießen gegen chinesisches Recht. Auf Weibo wird über ihn diskutiert, sogar sein Video kursiert dort.

Ehemalige Follower schicken Rehage Nachrichten mit empörten Weibo-Posts, in denen es um ihn geht. Er sieht den Shitstorm diesmal von außen, von der anderen Seite. Und freut sich still, dass er nicht so leicht mundtot zu machen ist.

Erschienen am 15. Februar 2016 auf SPIEGEL ONLINE.