Plüschige Soft Power

Wie ein kanadischer Komiker die Chinesen zum Lachen bringen will.

Das Problem mit Stand-up-Comedy in China fängt damit an, dass es im Chinesischen kein richtiges Wort dafür gibt. "Einer steht auf der Bühne und erzählt Witze", so erklärt der Comedian Mark Rowswell es den etwa 500 Studenten der Pekinger Fremdsprachenuniversität, die vor ihm sitzen. Das chinesische Wort für Stand-up ist "Tuokouxiu", das bedeutet "Talkshow". "Ich bin aber nicht Oprah Winfrey", sagt Rowswell. Die Studenten lächeln, was vielleicht auch daran liegt, dass Rowswell fließend Chinesisch spricht, mit Pekinger Dialekt, der so scharf ist wie chinesischer Hirseschnaps.

Mark Rowswell ist Kanadier und wahrscheinlich der bekannteste Ausländer in China. Seine Berühmtheit hat er einem Zufall zu verdanken: Nach dem Chinesischstudium in Toronto kam Rowswell 1988 als Austauschstudent nach Peking, auf dem Campus wurde er gefragt, ob er in einem traditionellen Sketch im Fernsehen mitmachen wolle. Er stimmte zu, im Wesentlichen spielte er sich selbst: einen Chinesisch sprechenden Ausländer mit leichtem Akzent. In der Sendung nannten sie ihn "Dashan", großer Berg. Als die Sendung zu Silvester ausgestrahlt wurde, sahen fast 600 Millionen Chinesen zu. Rowswell konnte nicht mehr durch Peking laufen, ohne erkannt zu werden. Von nun an war er: Dashan, der Ausländer, der traditionelle Sketche aufführt. Im Grunde ist er das geblieben. Nur sein Chinesisch ist inzwischen perfekt.

In den Neunzigerjahren war ein Ausländer, der zum Rhythmus einer Bambusklapper chinesische Wortwitze reißt, eine Sensation. Rowswell machte Karriere, insgesamt viermal trat er in der Frühlingsfestgala des Staatssenders CCTV auf, der meistgesehenen Show des Landes. Damit hält er unter Ausländern den Rekord. Einen Rekord, auf den er stolz ist.

Heute aber interessieren solche Sketche immer weniger. Man hört sie ab und zu im Autoradio älterer Taxifahrer, sonst kaum noch. Rowswell hat daher Werbefilme gedreht, er hat Chinesisch auf CCTV unterrichtet und ist zum kanadischen Botschafter des guten Willens ernannt worden. Er ist 49 Jahre alt und mit einer Chinesin verheiratet, mit der er zwei Kinder hat. Er ist immer noch Dashan, aber er will sich jetzt neu erfinden: als Stand-up-Comedian.

Rowswells Pointen speisen sich zum größten Teil aus Ost-West-Klischees, davon gibt es viele in China. Weil die meisten Chinesen der Meinung sind, dass ihr Land Westler überfordert, bemuttern sie die Fremden gern und loben sie überschwänglich für banale Dinge. Etwa für das Essen mit Stäbchen. "Ich bin seit mehr als 25 Jahren in China", ruft Rowswell und schaut ins Publikum, "also länger als ihr. Habt ihr euch eigentlich gut eingelebt? Könnt ihr mittlerweile mit Stäbchen essen?" Es funktioniert, die Studenten lachen.

Wenige Stunden vor seinem Auftritt in der Universität sitzt Rowswell in einem Pekinger Café, das Basecap tief in die Stirn gezogen, die Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Kein Wunder, dass fast niemand mehr traditionelle Sketche schaue, sagt er. China habe sich weiterentwickelt; "Xiangsheng", die Sketche, seien stehen geblieben. Er ist damals, nach seinem kometenhaften Aufstieg, ein paar Jahre bei chinesischen Meistern in die Lehre gegangen. Doch schnell störte ihn, dass niemand mehr neue Sketche schrieb. Die Meister begnügten sich damit, überlieferte Skripte zu variieren. "Um mich selbst auszudrücken, habe ich etwas Neues gebraucht."

Seit zwei Jahren arbeitet er bereits an seinem ersten Stand-up-Programm. Zwar gibt es in China ein paar moderne Comedians, aber keine Stand-up-Kultur. In Peking und Shanghai erzählen in Klubs Ausländer anderen Ausländern Witze, auf Englisch. Doch das sind Comedy-Gettos, nichts für Dashan, er will vor chinesischem Publikum auftreten. Deshalb zieht er nun durch Universitäten, um seine Witze zu proben und seine Pointen zu polieren. Aber auch um zu testen, ob das funktioniert: Comedy in China.

Wenn Ausländer im chinesischen Showgeschäft Erfolg haben wollen, müssen sie sich auf einen Deal einlassen. Wer traditionelle Sketche aufsagt, die aus Wortspielen und historischen Anekdoten bestehen, wird zwar brav beklatscht, verschwindet aber schnell wieder in der Versenkung. Wer massentauglich sein will, muss sich auf Kalauer über die Zumutungen des Alltags beschränken: Stau, Smog, Schwindeleien. Politische Witze sind tabu. "Die Toleranz Chinas gegenüber Kritik von Ausländern ist gleich null", sagt Rowswell. Wegen seiner Bereitschaft, sich auf diesen Deal einzulassen, muss er oft Kritik einstecken. Der US-Autor Peter Hessler hat ihn einmal einen "dressierten Affen" genannt. Andere Kritiker sagen, Rowswell sei für Kanada das, was der Panda für China sei: ein plüschiges Soft-Power-Symbol. Hübsch, aber harmlos.

Rowswell ärgert sich darüber, er sieht sich als Mann des Dialogs. Nachdem 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Studentenproteste niedergeschlagen worden waren, blieb er als einer von wenigen Austauschstudenten im Land. Er sagt, er begegne heute noch Menschen, die ihm danken, dass er in China blieb, als das Land Freunde am dringendsten brauchte.

In der Universität erntet Rowswell nach einer Stunde tosenden Applaus. Ein, zwei Pointen haben nicht funktioniert, weil sie zu ironisch waren. Ironie hat es schwer in China. Außerdem hat er einen Kompromiss mit seiner Vergangenheit geschlossen und seine Bambusklapper ausgepackt, einen alten Sketch aufgewärmt. Rowswell freut sich über den Applaus, aber er weiß, dass die Studenten ein dankbares Publikum sind. Sie zahlen nichts und lachen gern. Ende des Jahres will er seine erste kommerzielle Stand-up-Tour auf die große Bühne bringen. Dann wird es ernst mit dem Humor.

Erschienen am 16. Mai 2015 in DER SPIEGEL (21/2015). 

Foto: Mark Rowswell