Der Zorn der Erdbeeren

Freddy Lim ist der bekannteste Heavy-Metal-Rocker Taiwans. Jetzt will er in die Politik. 


Freddy Lims Drachentattoo auf dem linken Arm ist nicht mehr zu sehen, er trägt jetzt Anzug und Krawatte. Die langen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er ist 39 Jahre alt, der bekannteste Heavy-Metal-Musiker Taiwans, ein berüchtigter Provokateur. Seit Neuestem ist er aber auch Politiker. Sein Gegner ist China.

Eines der Musikvideos von Lim spielt im Shanghai der Dreißigerjahre. Man sieht darin einen General der Kuomintang, der späteren Regierungspartei Taiwans. Er feiert mit Nazis eine wilde Party. Dann verwandeln sich Lim und seine Bandmitglieder in Attentäter und metzeln den General nieder. Blut spritzt, es sieht aus wie eine Mischung aus Martial-Arts-Film und Splatter-Fantasie.

Er sei kein Provokateur, sagt Lim, er sei nur sehr direkt. Einem General der Kuomintang die Gurgel durchzuschneiden, und sei es nur in einem Musikvideo, das ist in Taiwan aber mehr als eine Provokation, es ist ein Skandal.

Freddy Lim steht in seinem Wahlkampfbüro im Südwesten der Hauptstadt Taipeh. An der Rückseite des Raums klebt ein Plakat von ihm, "Freddy" steht darauf, "Kandidat des 5. Wahlkreises". Er blickt darauf ausdruckslos in die Kamera, nicht mehr grimmig wie auf den Plakaten seiner Band Chthonic, aber auch nicht so süßlich wie ein taiwanischer Politiker. "Ich bin das Lächeln noch nicht gewohnt", sagt er.

Er war schon immer ein aktivistischer Künstler, vier Jahre lang war er Vorsitzender der taiwanischen Sektion von Amnesty International. Zu Beginn dieses Jahres hat Freddy Lim aber etwas gemacht, von dem er sagt, dass er darüber früher gelacht hätte: Er hat eine Partei gegründet, die New Power Party (NPP). Er will im Januar 2016 für das Parlament kandidieren. Gegen einen Kandidaten der Regierungspartei.

Die Kuomintang unterlag im chinesischen Bürgerkrieg den Kommunisten, sie floh 1949 nach Taiwan und regierte das Land bis in die Achtzigerjahre diktatorisch. Erst seit 1996 wird in Taiwan der Präsident direkt gewählt, 2000 kam erstmals ein Kandidat der Oppositionspartei DPP an die Macht. Heute regiert wieder die Kuomintang, kurz KMT. Präsident Ma Ying-

jeou gehört ihr an, sie hat die Mehrheit im Parlament. Für Freddy Lim ist die KMT aber nach wie vor eine kriminelle Organisation. Bei Live-Auftritten verbrennt er oft die blau-weiße Flagge der Partei.

Er gründete Chthonic, als er 19 Jahre alt war. Heute gilt die Band als eine Art Black Sabbath Asiens, als Veteran des Genres. Sie ist nach dem Gott der Unterwelt, Hades, benannt und mischt Metal mit taiwanischer Volksmusik. In "Supreme Pain for the Tyrant", dem Song aus dem Splatter-Video, peitschen E-Gitarre und Schlagzeug den Song voran, und Lim brüllt wie ein Berserker. Doch im Refrain dringt aus dem Lärm plötzlich zart und wehmütig der Klang einer Erhu, eines zweisaitigen Streichinstruments.

Freddy Lim sagt, er habe Politiker werden müssen, weil seine Angst um das Land immer größer geworden sei.

In den vergangenen sieben Jahren hat Präsident Ma Taiwan an China herangeführt. Er hat mehr als 20 Abkommen unterzeichnet. China betrachtet Taiwan als Teil seines Territoriums. Vor Kurzem hat Ma dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping vor Reportern aus der ganzen Welt die Hand geschüttelt, obwohl China mehr als tausend Raketen auf Taiwan richtet.

China ist eine Diktatur, und Taiwan ist eine Demokratie. So sieht Lim das. Er hat mit China keine guten Erfahrungen gemacht. Chthonic darf dort nicht auftreten.

Taiwan setze seine Werte aufs Spiel, wenn es sich China annähere, sagt Lim. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit. Das sehen in Taiwan viele Jugendliche so. Im März 2014 besetzten Studenten gut drei Wochen lang das Parlament, um gegen ein Dienstleistungsabkommen mit China zu demonstrieren. Lim hielt Reden vor den Studenten. Im August 2015 stürmten Schüler das Bildungsministerium, sie protestierten gegen Schulbücher, in denen sie chinesischen Nationalismus am Werk sahen. Lim gab ein Konzert für sie, sie feierten ihn wie einen Messias.

Noch vor ein paar Jahren bezeichneten taiwanische Politiker Jugendliche gern als "Erdbeer-Generation", als Früchtchen, die keinen Druck aushalten. Diese Zeiten seien vorbei, sagt Lim, die Jugend von heute sei zornig und bissig, sie sei politisch und wolle etwas verändern. Sie habe den Paternalismus der KMT satt. Lim hofft, dass er die Jugend für seine Partei gewinnen kann. Er sei zwar selbst nicht mehr ganz jung, aber die Jungen respektierten ihn. Um die Älteren will er kämpfen. Die chinakritische Oppositionspartei DPP unterstützt ihn öffentlich, sie hat in Lims Wahlkreis keinen eigenen Kandidaten aufgestellt.

Nur etwa fünf Prozentpunkte trennen ihn in Umfragen von dem Konkurrenten von der KMT.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag, drei Wochen vor der Wahl, will Lim ein Konzert geben. Es wird auf dem Platz der Freiheit stattfinden und das Motto "Quell the Souls and Save the Country" tragen. Es gehe jetzt um alles oder nichts, sagt Lim.

Erschienen am 12. Dezember 2015 in DER SPIEGEL (51/2015).

Foto: Chthonic