Der letzte Deutsche

Wie ein Hamburger Hells Angel mit seinen ausländischen Nachbarn lebt.

Für brenzlige Situationen hat Key seinen Baseballschläger. Der liegt im Hinterzimmer des Ladens, zwischen eingestaubten Boxhandschuhen, bewacht von einem bulligen Staffordshire-Terrier. Key hat noch nicht mit dem Prügel zugeschlagen, er ist für den Notfall, wenn mit bloßen Fäusten nichts mehr auszurichten ist. Der Mann war in den Achtzigerjahren deutscher Amateurboxmeister im Federgewicht, im Ring hat er viele Kämpfe für sich entschieden. Aber auch in seinem Laden musste er schon Kämpfe austragen. Als einmal mehrere Türken Krawall schlugen, hielt er sich die Angreifer mit Boxhieben und Kopfnüssen vom Leib. Die Polizei, die sein Vater gerufen hatte, bog erst in die Wilstorfer Straße ein, nachdem sich die Menschentraube aufgelöst hatte. "Die Polizei hat Angst vor der Straße", sagt Key.

Seit elf Jahren betreibt er einen Laden an der Wilstorfer Straße in Hamburg-Harburg. "Die Straße der Gewalt", wie die Boulevardpresse schreibt, weil es immer wieder zu Schlägereien, Messerstechereien und Schießereien kommt. Key hat den Wandel der Straße erlebt. "Ich bin hier einer der letzten Deutschen", sagt er; seine hochgekrempelten Pulloverärmel geben den Blick auf ein Tattoo mit dem geflügelten Totenkopf der Hells Angels frei.

Es ist ein Mittwochvormittag im August, Key sitzt vor seinem Laden und bläst Ringe aus Zigarettenrauch in die Luft. "Einbruch zwecklos. Alle Wertsachen wurden bereits gestohlen", steht auf einem Zettel an der Ladentür. Weil Key ein Hells Angel ist, will er, dass weder sein Name noch der Name seines Ladens in der Presse erscheint. Nur Key, ein alter Spitzname, ist okay. "Ich bekomme sonst Ärger mit meinen Brüdern", sagt er.

In der Nacht auf den 9. August knallte es nachts um zehn vor eins auf der Wilstorfer Straße. Ein 32-jähriger Kosovo-Albaner wurde ermordet, sein 36-jähriger Bruder lebensgefährlich angeschossen. Auf Fernsehaufnahmen ist zu sehen, wie Polizisten am Tatort weiße Laken vor einen leblos auf der Straße liegenden Körper spannen. Drei verletzte Türken, allesamt verwandt, wurden festgenommen und sitzen seither in Untersuchungshaft. Da sie schweigen, fehlen der Hamburger Polizei Anhaltspunkte. Sie äußert sich nicht zu den Tathintergründen.

Die Bild- Zeitung überschlug sich, sprach von einer "Familienfehde" und von "Wildwest auf Hamburgs Straßen". Die Schusswaffe hat die Polizei bis heute nicht gefunden. "Die werden sie auch nicht finden", sagt Key. "Die haben die Täter ihren Kumpels von der Straße zugesteckt."

Als die Internetzeitung "harburg-aktuell" am Morgen nach der Tat über die Schießerei berichtete, brach sich in den Kommentarspalten des Artikels der Rassismus Bahn. Das Problem seien die vielen Nationalitäten, schrieben einige. Das Problem seien die Muslime, schrieben andere.

Wer in diesen Tagen über die Wilstorfer Straße läuft, der versteht, dass die Menschen der Straße nicht viel mehr eint als der Asphalt unter ihren Füßen. Es gibt einen türkischen Kulturverein und einen guineischen, einen portugiesischen, einen polnischen, einen kosovo-albanischen und einen albanischen. Und es gibt mindestens so viele Versionen des Tathergangs, wie es Kulturvereine gibt. Fragt man im türkischen Kulturverein nach, erfährt man: Die Türken sind tüchtige, anständige Männer, und die Kosovo-Albaner sind stadtbekannte Gangster. Fragt man im kosovo-albanischen Kulturverein nach, erfährt man: Die Kosovo-Albaner sind tüchtige, anständige Männer, und die Türken sind stadtbekannte Gangster. Fragt man bei der Polizei nach, erfährt man: Alle Tatbeteiligten - außer dem Toten - sind polizeibekannt.

Key überlegt mittlerweile, aus der Wilstorfer Straße wegzuziehen. Die Kunden bleiben aus, das Geschäft läuft nicht gut.

Die Gegend ist eher arm, die verrufene Wilstorfer Straße erstreckt sich vom Harburger Ring im Norden bis zur A 253 im Süden, insgesamt ist sie nur wenige Hundert Meter lang. Ein Einkaufszentrum und der Backsteinbau der Phoenix AG, der Harburger Gummiwarenfabrik, die einst Industriearbeiter anzog, dominieren die Ostseite der Straße. Auf der Westseite reiht sich Laden an Laden: Imbisse, Internetshops, Automatenkasinos mit getönten Fensterscheiben und die Kulturvereine. An der Tür vieler Kulturvereine steht: "Zutritt nur für Mitglieder". Drinnen flimmern Fernsehbildschirme; Männer sitzen in Zigarettenrauch und brüten über Schachbrettern. "Ich geh da nicht rein. Das gibt nur Stress", sagt Key.

Drei Tage nach der Schießerei kam es im benachbarten Stadtteil Wilhelmsburg zu einer Messerstecherei. Laut Hamburger Staatsanwaltschaft handelte es sich bei dem Opfer um einen Verwandten der drei in Untersuchungshaft sitzenden Türken. Die Rede vom Racheakt macht die Runde. Auch Key glaubt, dass die Sache noch nicht vorbei ist. "Die Straße ist eine Zeitbombe", sagt er.

Das Problem der Wilstorfer Straße seien die Ausländer, sagt Key, es gebe einfach zu viele. Manche Kunden halten Key wegen seiner Ansichten für einen Rassisten. Wer sich auf der Wilstorfer Straße umhört, der erfährt aber: Die chinesische Imbissbesitzerin, der türkische Kulturvereinschef und der vietnamesische Asia-Markt-Inhaber - sie finden auch alle, dass es auf der Wilstorfer Straße zu viele Ausländer gibt.

Erschienen am 25. August 2014 in DER SPIEGEL (35/2014). 

Foto: Roy Lister