Was bleibt von Hongkongs „Regenschirm-Revolution“?

Vor einem Jahr legte die „Regenschirm-Revolution“ Hongkong lahm. Die Proteste stellten China vor die größte Herausforderung seit dem blutigen Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989. Was ist von der Demokratiebewegung geblieben? Ein Streifzug durch die chinesische Sonderverwaltungszone.


Plötzlich ist es, als wäre die Revolution zurück. Am letzten Donnerstag im August steht Joshua Wong vor einer Polizeistation Hongkongs, vor sich die Mikrofone der Reporter, hinter sich gelbe Regenschirme, die seine Unterstützer als Zeichen der Solidarität aufgespannt haben. Wong, einer der Anführer der Hongkonger Demokratiebewegung, ist angeklagt. Die Polizei wirft ihm die Teilnahme an einer „rechtswidrigen Versammlung“ sowie „Anstiftung“ anderer Demonstranten vor.

Wong zögert keinen Moment. Der Protest sei die beste Entscheidung, die er in den vergangenen Jahren getroffen habe, sagt er auf Englisch in die Mikrofone, wie in einem Video zu sehen ist: „Ich bereue nichts, auch wenn ich dafür ins Gefängnis gehe.“ Wong hört sich an wie ein altgedienter Aktivist, der auf sein Leben zurückblickt. Dabei ist er gerade einmal volljährig. Er ist 18 Jahre alt, im Falle einer Verurteilung drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft.

Die Versammlung, die man Wong vorwirft, markiert den Beginn der „Regenschirm-Revolution“, sie führt zurück an den Anfang der Proteste, die im vergangenen Jahr 79 Tage lang Hongkong lahmgelegt haben.

Im September 2014 riefen Wong und weitere Demonstranten zum Unterrichtsboykott auf und stürmten einen Platz vor dem Hongkonger Regierungssitz. Was in den darauffolgenden zwei Tagen passierte, lässt sich so zusammenfassen: Es kommt zu einem Handgemenge mit der Polizei, Wong und mehrere Aktivisten werden vorübergehend festgenommen, eine Bürgerrechtsgruppe, „Occupy Central with Love and Peace“, schließt sich dem Protest an, schließlich schießt die Polizei Pfefferspray und Tränengas auf die Demonstranten.

Der Rest ist bekannt, die Bilder der Belagerung Hongkongs gingen um die Welt. Menschen, die mit aufgespannten Regenschirmen durch Tränengasschwaden taumeln; Studenten, die in Häuserschluchten Zelte aufschlagen; Professoren, die ihren Unterricht auf die Straße verlegen.

Joshua Wong ist das Gesicht der „Regenschirm-Revolution“. Die von ihm gegründete Aktivistengruppe „Scholarism“ ist neben der Bürgerrechtsbewegung „Occupy Central with Love and Peace“ sowie dem Studentenverein „Hong Kong Federation of Students“ (HKFS) eine der treibenden Kräfte hinter dem Protest gewesen. Die Demonstranten haben freie Wahlen sowie den Rücktritt des Hongkonger Verwaltungschefs Leung Chun-ying gefordert.

Rund ein Jahr später ist keine der Forderungen erfüllt. Leung ist nach wie vor im Amt, und allgemeines Wahlrecht ist in weite Ferne gerückt. Im Juni hat das Parlament in Hongkong die von Peking in Aussicht gestellte Wahlreform abgelehnt.

Nach dem Reformvorschlag hätten bei der nächsten Wahl des Verwaltungschefs im Jahr 2017 alle wahlberechtigten Bürger Hongkongs entscheiden dürfen – allerdings nur zwischen zwei oder drei von der Kommunistischen Partei (KP) handverlesenen Kandidaten. „Das demokratischste System aller Zeiten“ hat Peking den Reformvorschlag genannt, als „eine Farce“ hat ihn Hongkongs demokratisches Lager beschimpft. Nun bleibt das derzeitige Wahlsystem in Kraft: Ein Komitee aus 1.200 überwiegend KP-freundlichen Wahlmännern bestimmt den Regierungschef.

 

Der Offensivspieler: Joshua Wong

 

Es ist Mittwoch, der 1. Juli 2015. Heute vor 18 Jahren hat sich der letzte britische Gouverneur aus Hongkong verabschiedet und die Kontrolle über die Kronkolonie an China übergeben. Auf den Straßen Hongkongs drängen sich Demonstranten, Polit-Slogans schallen durch die Luft. Das Thermometer zeigt 29 Grad, die Stadt flimmert in der Sommerhitze.

Der Jahrestag der Rückgabe Hongkongs an China ist neben dem 4. Juni, dem Tag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989, einer der beiden großen Demonstrationstage der Demokratiebewegung Hongkongs.

Ich treffe Joshua Wong gegenüber der U-Bahn-Station „Causeway Bay“, nur wenige Gehminuten vom Victoria Park entfernt. Er steht neben einem Podest, trägt hellblaue Shorts und – wie so oft – ein orangefarbenes T-Shirt. Vor wenigen Tagen haben Unbekannte Wong nachts auf dem Nachhauseweg angegriffen. Sie haben ihn ins Gesicht geschlagen. Seine Freundin hat noch am Tatort Fotos von Wongs zerkratztem Gesicht ins Netz gestellt. Die Hongkonger Presse hat den Vorfall größtenteils als Einschüchterungsversuch gewertet.

Er habe keine Schmerzen mehr, sagt Wong. Die Entscheidung des Parlaments, die Wahlreform Pekings abzulehnen, sei richtig, wer wolle schon falsche Demokratie. Dennoch habe die Demokratiebewegung mehr verloren als gewonnen. „Wir sind derzeit in der Defensive. Wir müssen wieder in die Offensive gehen“, sagt er. Dann klettert Wong auf das Podest und greift nach einem Mikrofon.

Als ihn die Menschen auf der Straße entdecken, schießen sie auf das Podest zu. „Wong Zi Fung, gaa jau!“, rufen sie auf Kantonesisch, dem chinesischen Dialekt, der in Hongkong gesprochen wird, „Joshua Wong, los geht’s!“ Sie strecken sich nach Wong, schütteln ihm die Hand und stecken ihm Geldscheine zu. Aus etwas Entfernung sieht es aus, als reckten sie sich nach einem Heiligen, um etwas von seinem Glanz abzubekommen. 

Am Ende des Tages werden deutlich weniger Hongkonger in die Offensive gegangen sein als in den vergangenen Jahren. Nach Polizeiangaben haben am 1. Juli nur etwa 20.000 Menschen an der Demonstration teilgenommen – so wenige wie seit 2008 nicht mehr.

 

Der Stratege: Benny Tai

 

Benny Tai ist ein Gentleman. Sein hellblaues Polo-Hemd ist durchnässt, der Schweiß perlt ihm über die Stirn, aber unter Hongkongs stählerner Mittagssonne nimmt er sich Zeit für jeden Reporter. Am Abend zuvor hat er per E-Mail auf meine Interviewanfrage geantwortet, so viele Termine, hat er geschrieben, komm einfach in den „Victoria Park“. Also ab in den Park, wo Benny Tai seine Rede hält, ein Publikum vor sich, das gleich mehrere Fußballfelder füllt. Der 51-jährige Tai ist Juraprofessor und einer der Köpfe hinter „Occupy Central with Love and Peace“. Im Juni 2014 hat Tai mit „Occupy Central“ ein inoffizielles Referendum abgehalten, bei dem etwa 800.000 Menschen für mehr Demokratie gestimmt haben. Schon damals hat er Massendemonstrationen angekündigt, aber – Achtung, Zusatz! – „with love and peace“.

Wer dem Strategen Tai zuhört, der versteht, dass in Hongkong keine Revolution stattgefunden hat. Die „Regenschirm-Revolution“ ist ein mediales Schlagwort, Hongkongs Demokraten vermeiden es. Tai spricht von einem „multiple round game“, einem Spiel mit mehreren Runden. Derzeit sei die Demokratiebewegung ausgelaugt. Zudem fehle ihr ein Ziel, nachdem der Wahlmodus für 2017 besiegelt ist. „Wir brauchen jetzt Zeit, um uns zu besinnen, uns zu fragen, was wir wollen und uns neu zu organisieren“, sagt er. Außerdem sieht Tai eine Gefahr in der Radikalisierung der Protestbewegung. „Dass wir im vergangenen Jahr keine greifbaren Ergebnisse erzielt haben, ist für viele ein Grund, sich von uns abzuwenden und es mit Gewalt zu versuchen.“

 

Die Wutbürger: Civic Passion

 

Wer am 01. Juli durch die Straßen Hongkongs läuft, der erkennt die radikaleren Protestgruppen schon daran, dass sie sich anders gebärden als der Rest, da ist deutlich weniger „love and peace“ im Spiel. „Civic Passion“ zum Beispiel. Wenn KP-freundliche Parteien am Zelt von „Civic Passion“ vorbeiziehen, setzt ein Pfeifkonzert ein, die Stimmung kippt, es wird gebuht, Schimpfwörter fliegen hin und her.

Wong Yeung-tat ist der Gründer von “Civic Passion”. Er ist 36 Jahre alt, hat eine Glatze und trägt eine cremefarbene Hornbrille mit großen Gläsern. Wong ist Drehbuchautor und hat mehrere Jahre in Shanghai und Peking gelebt. Dort ist sein Bild von China entstanden.

Hongkong sei kulturell anders als der Rest Chinas, sagt Wong, traditioneller und doch moderner, der Kommunismus habe in China alles kaputt gemacht. Das wichtigste Merkmal von „Civic Passion“ ist deswegen der Antikommunismus. Die Ablehnung von China trifft in Hongkong einen Nerv. Nach einer Umfrage der University of Hong Konghaben sich Ende des vergangenen Jahres rund 42 Prozent der Bewohner Hongkongs als „Hongkonger“ gesehen – und nur rund 18 Prozent als „Chinesen“.

In den vergangenen Monaten ist es in Hongkong außerdem immer wieder zu Konflikten zwischen Einheimischen und Chinesen gekommen. Oft haben radikale Gruppierungen wie „Civic Passion“ zu Protesten gegen Chinesen aufgerufen, die in Hongkong shoppen, Immobilien kaufen oder Kinder zur Welt bringen. Nicht selten sind diese Proteste in Prügeleien gemündet. Mittlerweile hat China reagiert. Die Bewohner der Grenzstadt Shenzhen dürfen nur noch ein Mal pro Woche nach Hongkong reisen.

Letzten Endes fordert „Civic Passion“ die Unabhängigkeit Hongkongs von China, auch wenn das „unter den derzeitigen Verhältnissen sehr schwer zu erreichen ist“, wie Wong erklärt. Und wie steht „Civic Passion“ zu Gewalt, Herr Wong? Das lasse sich nicht einheitlich beantworten, sagt er. „Wir sind nicht für Gewalt, aber wir dürfen eben nicht so moderat sein wie im vergangenen Jahr. Civic Passion ist einfach ein bisschen radikaler.“

 

Das Start-up: Hong Kong Free Press 

 

Wer in diesen Tagen in Hongkong Erfolgsgeschichten sucht, die mit den Massenprotesten vor einem Jahr begonnen haben, der muss über die Demokratie-Aktivisten hinausgehen. Zum Beispiel in den Süden von Hong Kong Island, in das Bürogebäude mit dem Namen Cyberport. Dort sitzt Hong Kong Free Press, ein englischsprachiges Online-Magazin, das durch eine Crowdfunding-Kampagne auf derPlattform FringeBacker ins Leben gerufen wurde. Klein ist es, mit nur sieben festangestellten Journalisten. Aber Chefredakteur Tom Grundy ist guter Dinge, dass das Magazin wachsen wird.

Es ist ein Werktag Ende Juni, Hong Kong Free Press ist gestern online gegangen und Grundy ist noch ganz aufgekratzt. Der Brite ist ein schlaksiger Mann von 32 Jahren, der digital denkt und sein Handy keinen Moment aus den Augen lässt, mit seiner Cordhose, seinem gepunkteten Hemd und den Hosenträgern aber wie ein Blattmacher aus den goldenen Zeiten des Print-Journalismus wirkt.

Er habe 150.000 HK-Dollar (rund 17.000 Euro) innerhalb eines Monats einsammeln wollen, sagt Grundy, aber nach zwei Tagen sei das Geld da gewesen. Für Grundy beweist das zum einen den Bedarf an englischen Informationen. Chinesische Zeitungen gibt es in Hongkong en masse, der englische Markt hingegen ist unterentwickelt. Zudem hätten alle Titel Qualitätsprobleme. Zwar herrschen in Hongkong – im Gegensatz zum Rest Chinas – Presse- und Meinungsfreiheit, finanzielle Verstrickungen der Verleger führen aber immer häufiger zu Selbstzensur. Auf dem Index der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen ist Hongkong dieses Jahr neun Plätze abgerutscht, vom 61. auf den 70. Rang.

Zum anderen herrsche in Hongkong nach den Massenprotesten großes Interesse an unabhängiger Berichterstattung über die Demokratiebewegung. Viele Zeitungen Hongkongs würden als parteiisch wahrgenommen, sagt Grundy. Um Hong Kong Free Press nachhaltig und unabhängig zu machen, will er auf eine Kombination verschiedener Finanzierungsmöglichkeiten setzen, unter anderem Crowdfunding, Werbung und Veranstaltungen.

Erfreulich ist die Gründung von Hong Kong Free Press auch deswegen, weil im Juli 2014 einer der erfolgreichsten unabhängigen Polit-Blogs der Sonderverwaltungszone, House News, nach Drohungen gegen die Gründer dichtgemacht hat. House News hat nicht nur aufgehört zu produzieren, sondern hat das gesamte Archiv gelöscht. Wer heute die Homepage ansteuert, findet nur einen Brief, in dem der Gründer erklärt, dass sich „weißer Terrorismus“ über die Gesellschaft Hongkongs gelegt habe. Was genau vorgefallen ist, sagt niemand. Aber es muss so drastisch gewesen sein, dass Evan Fowler, einer der Redakteure von House News, nicht mehr ans Handy geht, wenn sich eine unterdrückte Nummer meldet. Heute, und das ist sozusagen die Pointe der Pointe, ist der in Hongkong geborene Brite Fowler der Geschäftsführer von Hong Kong Free Press.

Ich sitze mit Fowler und Grundy am Redaktionstisch, als Grundys Handy klingelt. Eine Quelle, sagt Grundy und stellt sich zum Telefonieren in die Ecke. Nach wenigen Momenten ist er zurück. Jemand habe ihm Tonbandaufnahmen mit rassistischen Äußerungen des Parlamentspräsidenten zugespielt, erzählt er mit großen Augen. Heute Abend werde er die Quelle treffen und morgen den Parlamentspräsidenten mit den Vorwürfen konfrontieren, sagt er. Es ist Grundys zweiter Tag, und er wittert seinen ersten Scoop.

Erschienen am 7. September 2015 auf Krautreporter.

Foto: Maximilian Kalkhof