Pegida schrumpft

Pegida ist bürgerlich und Legida brutal? Von wegen: Auf ihrer deutlich verkleinerten Demo in Dresden zelebrieren die Abendlandpatrioten den Schulterschluss. Ausgestoßen wurde ein anderer.


"Informationen über den Koran gewünscht?" Dieter Claußnitzer läuft über den Theaterplatz und verteilt Flugblätter. Es ist Sonntagnachmittag kurz nach zwei, langsam füllt sich der Platz vor der Dresdner Semperoper. Der 62-jährige Claußnitzer ist Pegida-Anhänger und seit der dritten Kundgebung dabei. Doch mittlerweile ist der Dresdner nicht mehr nur Zuhörer. Er verteilt Faltblättchen und hält Reden. Man müsse nur ein gutes Redemanuskript einreichen, dann werde man von Pegida für die Bühne ausgesucht, sagt Claußnitzer.

"Informationen gewünscht?" So ziemlich jeder will Informationen, Claußnitzer teilt seine Flugblätter aus: "Bitte weitergeben! Das sollen alle erfahren!"

"Sie sind in Gefahr!", steht auf dem Blättchen. Daneben ist eine Bombe abgebildet, die auf Deutschland niedergeht. Auf der Bombe steht in Großbuchstaben: "Islam". Der Islam sei keine Religion, sagt Claußnitzer. Aber darüber würde die sozialistische Presse ja leider nicht berichten. Der Islam sei gleichzusetzen mit: Unterwerfung. Später, während seiner Rede vor der Menge, wird Claußnitzer sagen: "Pegida verunglimpft weder Gott noch Allah."

Zum ersten Mal seit zwei Wochen treffen sich die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" wieder in Dresden und vieles ist anders als zuvor:

Das Bündnis ist gespalten. Nachdem es bei dem auf Mittwoch verlegten Marsch des Leipziger Ablegers Legida zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen war, musste Leipzig Kritik aus Dresden einstecken: Pegida drohte Legida mit einer Unterlassungsklage.

Zudem ist Pegida führungslos: Lutz Bachmann warf als Vereinsvorsitzender das Tuch, nachdem auf Facebook neben einem Hitler-Selfie auch ausländerfeindliche Kommentare aufgetaucht waren. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Volksverhetzung.

Als dann für den Montagabend auch noch eine Gegendemonstration mit einem Großaufgebot von Musikern angekündigt worden war, machte Pegida aus dem "Spaziergang" eine "Kundgebung" und verschob den Protest von Montag auf Sonntag. Etwa 17.000 Anhänger will die Polizei am Ende gezählt haben. Vor zwei Wochen waren es noch 25.000.

Als um kurz vor drei Kathrin Oertel das Mikrofon ergreift, bricht der Theaterplatz in Jubel aus. Nach ihrem Auftritt bei Günther Jauch und dem Fall von Lutz Bachmann ist Oertel der Popstar des Bündnisses. Oertel liest vom Blatt ab. Und geht gleich in die Offensive: Sie wolle ihrem Unmut über Frauke Petry Luft machen. Die sächsische AfD-Chefin hatte nach Bachmanns Abgang zu Protokoll gegeben, der Pegida-Spitze zu diesem Schritt geraten zu haben. Alles Unfug, sagt Oertel jetzt. Es habe keine Absprachen mit der AfD gegeben und man habe sich nicht beraten lassen: "Pegida bleibt überparteilich!" Die Menge jubelt, immer wieder werden "Wir sind das Volk"-Rufe laut.

Auch mit Legida sei alles ganz anders als berichtet, sagt Oertel. Es gebe keinen Bruch. Und um die Einheit zwischen Pegida und Legida zu demonstrieren, bittet sie kurzerhand den Legida-Organisator Silvio Rösler auf die Bühne. Rösler sagt, Pegida und Legida hätten sich zusammengerauft und alle Probleme aus der Welt geschafft: "Dresden und Leipzig spazieren in Zukunft Schulter an Schulter. Da passt kein Blatt dazwischen!", ruft Rösler.

Wer die Geschehnisse der letzten Tage verfolgt hat, dem fällt vor allem eines auf: Es fehlt Lutz Bachmann. Der Pegida-Gründer erscheint an diesem Sonntag nicht, auch Kathrin Oertel lässt ihn in ihrer Rede unerwähnt. Stünde da nicht dieser schnauzbärtige Mann in der Menge, man könnte Bachmann glatt vergessen: Der Mann - seinen Namen will er lieber nicht verraten - hält ein "Ich bin Lutz"-Schild in die Luft. "Danke Lutz" steht auf der Rückseite. Der Mann sagt, Lutz gebühre Dank, weil er Pegida ins Rollen gebracht habe. Warum er zu den Pegida-Protesten kommt? "Weil es in Berlin Viertel gibt, in die man als Deutscher nicht mehr gehen kann." Und woher er kommt? "Aus Großröhrsdorf in Sachsen."

Als der Flugblätter-Verteiler Dieter Claußnitzer nach einigen Vorrednern das Mikrofon in die Hand bekommt und seine Rede halten darf, nimmt er es mit dem deutschen Außenminister auf. Frank-Walter Steinmeier habe ja gerade in einem Interview behauptet, Pegida schade dem Ansehen Deutschlands in der Welt. Claußnitzer schnaubt. "Nicht Pegida schadet Deutschland", ruft er, "es ist die verlogene Berichterstattung, die uns schadet." - "Lügenpresse! Lügenpresse!", schallt es über den Theaterplatz.

Von der Augustusbrücke dringen ab und zu Gesänge der Gegendemonstranten auf den Theaterplatz herüber. Etwa 5000 Gegenprotestler sollen es nach Polizeiangaben gewesen sein. Ihren großen Auftritt werden die Pegida-Gegner am Montag während des Konzerts "Offen und bunt - Dresden für alle!" haben.

Es ist in den letzten Wochen viel darüber gestritten worden, wie repräsentativ Pegida ist und was die Bewegung eigentlich will. Wer über den Theaterplatz läuft, der macht unter anderem diese völlig unrepräsentative Beobachtung: Es schiebt sich ein Mann durch die Menge und hält ein Schild in die Luft, auf dem neben einem toten Schaf zu lesen ist: "Betäubungsloses Schlachten endlich wieder verbieten."

Erschienen am 25. Januar 2015 auf SPIEGEL ONLINE.