Einfach guat

Snook wollte nur positiv sein und auf Rätoromanisch rappen. Doch dann wurde der Hip-Hopper zum Symbol für eine weltoffene Schweiz.


Eine Poolparty auf einer Dachterrasse, junge Menschen feiern, sie knutschen, planschen und trinken; dazwischen sitzt Snook, er wippt mit dem Kopf und singt: "Es goth miar guat, i han alles, won i brucha." Happy-Rap nennt Snook das, was er in dem Video macht, und es zeigt, wie er sich das Leben in der Schweiz vorstellt: ausgelassen und fröhlich. Leider sieht die Realität ein bisschen anders aus, deshalb macht er sich gerade sehr viele Sorgen um seine Heimat. Snook, 30, heißt bürgerlich Gino Clavuot, er ist Hip-Hopper, vielleicht aber eher ein Anti-Hip-Hopper, denn Gewalt, Drogen und Sex gibt es in seinen Songs nicht. Das geht vielleicht auch schlecht, wenn man auf Schwizerdütsch und Rätoromanisch rappt und aus einem Bergdorf im Engadin kommt, 1400 Höhenmeter, 300 Einwohner.

"Ich will positive Messages verbreiten", sagt Snook, er bestellt Wasser und Espresso, dabei wirkt er durch und durch positiv, ausgeschlafen, gut gelaunt und ausgesprochen höflich. Seine Musik ist eine Mischung aus Hip-Hop und Heimatliebe, bei dem Musikprojekt "So klingt die Schweiz" repräsentierte er das Rätoromanische, die vierte Landessprache neben Deutsch, Französisch und Italienisch. Vier Musiker sangen zusammen in ihrer jeweiligen Sprache den Song "Momento", eine Hymne auf Einheit in Vielfalt. Einen Tag nachdem das Lied als Download erschienen war, kletterte es auf Platz eins der iTunes-Charts. In den Kommentarspalten der Umsonstzeitung "20 Minuten" diskutierten die Leser, ob "Momento" die Schweiz beim Eurovision Song Contest vertreten solle und ob es die neue Nationalhymne werden könne.

Rap und Hip-Hop waren einst die wütende Antwort der Unterschichtsjugend aus der Großstadt auf ihre Ausgrenzung und Diskriminierung. In der Schweiz nehme einem diese Wut aber niemand ab, findet Snook, es gehe den Menschen zu gut. "Das Bündnerland ist halt nicht die Bronx", sagt er. Er hat seine Wut daher in Happiness gekleidet, eine sehr schweizerische Art der Subversion. Eines der wenigen Lieder, in denen er sich explizit politisch äußert, ist "Weniger – Meh" : "Meh schwarz und wiß, weniger SVP. Weniger Blick und meh Hip-Hop-Kultur", rappt er da. Der "Blick" ist eine der großen Boulevardzeitungen der Schweiz; die SVP, die nationalkonservative Schweizerische Volkspartei, steht für die Abschottung gegen Asylbewerber, Zuwanderer und die EU. Bei den Nationalratswahlen im Oktober holte sie fast 30 Prozent der Stimmen. Dabei sind ein Viertel der Menschen in der Schweiz Ausländer, rund 36 Prozent der Schweizer haben zudem Migrationshintergrund, das sind fast doppelt so viele wie in Deutschland.

Kein Wunder also, dass Snooks Musik spätestens seit dem Wahlsieg der SVP von vielen als politisches Statement interpretiert wird. Das liegt auch daran, dass seine Großmutter aus Brasilien stammt – und seine Haut dunkler ist als die der meisten Schweizer. Oft wird er für einen "Secondo", ein Einwandererkind, gehalten. Er sei wütend über diesen Rechtsruck in seiner Heimat, sagt Snook, die SVP mache mit den Ängsten der Schweizer Politik. Im Wahlkampf veröffentlichten die Nationalkonservativen das Musikvideo "Welcome to SVP" ; darin stutzt Christoph Blocher, einer der reichsten Männer des Landes und einer der Vizepräsidenten der Partei, mit einer Nagelschere den Rasen. Ein anderer SVP-Politiker bewacht, mit einem Nudelholz bewaffnet, das Bankgeheimnis. Wieder ein anderer schaufelt Geldscheine in eine Waschmaschine. Das Video sollte ironisch wirken, die Botschaft aber war: Die Schweiz soll bleiben, wie sie ist – weiß, bieder und abgeriegelt.

Das ist nicht die Schweiz, die Snook sich wünscht. Doch ausgerechnet er, der unpolitische Hip-Hopper, der fürchtet, auf Politik reduziert und von ihr instrumentalisiert zu werden und sich ständig erklären zu müssen, ist jetzt zur Identifikationsfigur für die liberale Schweiz geworden. "E ganzi Nation stoht hinder dier", kommentierte ein Leser unter einem Artikel über Snook im Netz. "Das Lied ist voller guter Laune und spiegelt gut die farbige, frohe und offene Schweiz, wie sie für mich ist und hoffentlich auch bleibt", schwärmte eine Leserin über den Song "Momento".

Mit 30 Jahren ist das schon ziemlich viel, wofür er plötzlich stehen soll. Dabei ist er eigentlich noch Student der Wirtschaftswissenschaften in Zürich, gerade schreibt er seine Abschlussarbeit. Morgens sitzt er in der Universitätsbibliothek und brütet über seinen Büchern, abends denkt er sich zu Hause neue Songs aus. Vor Kurzem hat er ein neues Lied veröffentlicht, auf Rätoromanisch natürlich, es heißt "Che bel di", "Welch schöner Tag". Es ist ein Lied über das kleine Alltagsglück. Snook ist seinem Stil treu geblieben, er hat sich wieder mal entschieden, das Positive zu sehen. Was die Schweizer in ihm sähen, sagt er, liege sowieso nicht in seiner Hand.

Erschienen am 9. Januar 2016 in DER SPIEGEL (2/2016).

Foto: Snook