König Richard vor der Krönung

Bei der Rugby-Weltmeisterschaft in England gibt es einen Top-Favoriten: Titelverteidiger Neuseeland. Der Kapitän der "All Blacks" könnte Geschichte schreiben. Der große Ausblick auf das Turnier.


Es gibt Auswechslungen, die sind die höchste Form der Ehrerbietung. Als Richie McCaw im letzten Spiel vor der Weltmeisterschaft in der 67. Minute das Feld verlässt, ist das so. McCaw hat in dieser Nacht sein 142. Länderspiel für die "All Blacks", die Rugby-Nationalmannschaft Neuseelands, bestritten und damit die Länderspielmarke des Iren Brian O'Driscoll überboten: Weltrekord. McCaw hat gekämpft wie ein Berserker, auf seiner Nase klafft eine Platzwunde, die "All Blacks" werden die Australier nach 80 Minuten mit 41:13 abgefertigt haben.

Während der neuseeländische Kapitän vom Spielfeld trabt, erheben sich die 48.000 Zuschauer im Eden Park in Auckland und klatschen Beifall. Steve Hansen, der Trainer der "All Blacks", sonst ein eher einsilbiger Mann, wird McCaw nach dem Spiel den "wahrscheinlich besten All Black aller Zeiten" (YouTube-Video) nennen. "#KingRichie" ist einer der Hashtags, die in dieser Nacht auf Twitter die Runde machen.

Richard Hugh "Richie" McCaw ist 34 Jahre alt, 1,88 Meter groß, 108 Kilo schwer und eine lebende Legende. In Neuseeland nennen sie den Mann mit der Meckifrisur, der meistens als Flügelstürmer mit der Nummer sieben aufläuft, "Captain Fantastic". Es ist schwierig, den Überblick über alle Ehrungen zu behalten, die McCaw im Laufe seiner Karriere bekommen hat. Er sammelt Superlative wie andere Menschen Schlüsselanhänger.

Als McCaw im Alter von 20 Jahren für die "All Blacks" debütiert, wird er auf Anhieb zum "Man of the Match" gewählt. Der Rugby-Weltverband "International Rugby Board" (IRB) hat ihn drei Mal zum Spieler des Jahres gewählt, das ist ein Rekord, zwei Mal ist er außerdem Neuseelands Sportler des Jahres gewesen. Und der Rekordnationalspieler McCaw ist auch Weltrekordkapitän. Er hat die "All Blacks" mehr als hundertmal als Spielführer auf den Rasen geführt.

Den Rekord aller Rekorde aber könnte er bei der jetzt beginnenden Weltmeisterschaft aufstellen. Noch nie hat ein Mannschaftskapitän zweimal den "Webb Ellis Cup", die Trophäe der Rugby-Union-WM, in die Luft gestemmt.

Neuseeland startet als Titelverteidiger und Favorit in die Weltmeisterschaft, die am Freitagabend mit der Partie zwischen England und Fidschi (20.45 Uhr, Eurosport) in London eröffnet wird. Die "All Blacks" bekommen es im Pool C mit Argentinien, Tonga, Georgien und Namibia zu tun und haben damit eine vergleichsweise leichte Gruppe erwischt. Im Viertelfinale wird mit Frankreich oder Irland wahrscheinlich die erste Herausforderung auf die "All Blacks" zukommen.

Neuseeland führt die Weltrangliste an und kann beeindruckende Zahlen vorlegen: In den 112 Jahren, in denen auf der Pazifikinsel Rugby gespielt wird, haben die "All Blacks" 78 Prozent ihrer Spiele gewonnen. Seit der Professionalisierung des Sports im Jahr 1995 sind es 84 Prozent. In den vier Jahren seit dem WM-Gewinn im Jahr 2011 konnten die Neuseeländer sogar sagenhafte 93 Prozent ihrer Spiele gewinnen. Im Jahr 2013 legten die "All Blacks" eine perfekte Saison hin und gewannen 14 von 14 Spielen. In Anlehnung an das Zitat von Gary Lineker ließe sich also mit einiger Berechtigung sagen: Rugby ist ein einfaches Spiel. 30 Männer jagen 80 Minuten lang einem Ei nach, und am Ende gewinnt immer Neuseeland.

Fast immer. Den "All Blacks" haben nämlich immer wieder die Nerven versagt, zum Frust der Neuseeländer oft ausgerechnet bei großen Turnieren. Nach dem Gewinn der ersten Weltmeisterschaft im Jahr 1987 mussten die "All Blacks" 24 Jahre warten, ehe sie den Titel wieder gewannen. 2011 besiegten sie im WM-Finale die Franzosen in einer bis zum Schluss umkämpften Partie 8:7. Die Presse des Landes will eine gewisse "World Cup angst" ausgemacht haben.

Tatsächlich lastet ein enormer Erfolgsdruck auf den "All Blacks". Einem englischen Journalisten hat Graham Henry, der Erfolgstrainer von 2011, jüngst anvertraut, dass er den Grund für die Erwartungshaltung in der Psyche der Insulaner sehe: "Neuseeland ist ein junger Staat und vom Rest der Welt werden wir für drei Dinge geschätzt: Dafür, was wir in den zwei Weltkriegen getan haben. Und für Rugby." Was Henry meint: Neuseeland vergewissert sich Rugby spielend seiner Rolle in der Welt. Nach dem WM-Titel 2011 wurde Henry folgerichtig zum Ritter geschlagen.

Am größten ist der Druck aber seit jeher für den Kapitän. Als Neuseeland bei der Weltmeisterschaft 2007 im Viertelfinale gegen den Angstgegner Frankreich ausschied, forderten die Kritiker umgehend Richie McCaws Rücktritt. Doch dieser blieb Kapitän - und führte die "All Blacks" 2011 zum Triumph. Im Finale spielte er mit gebrochenem Mittelfuß. McCaw gilt als zäh, geradlinig und bescheiden. Und als jemand, der sich ganz in den Dienst der Mannschaft stellt. Eine Einladung zur Hochzeit von William und Kate 2011 schlug er aus, seine Begründung: Er wolle sich mit dem Team auf die WM vorbereiten.

Die Weltmeisterschaft in England wird seine letzte sein, soviel ist sicher, McCaw ist im Herbst seiner Karriere. Wahrscheinlich wird er nach dem Turnier zurücktreten, Neuseeland muss sich nach der Ära McCaws einen neuen Anführer suchen. Die Konkurrenz wird aufatmen. Australiens Kapitän Stephen Moore gab vor Kurzem in einem Moment absoluter Neidlosigkeit zu: Er sei sehr froh, wenn Richie MacCaw eines Tages nicht mehr gegen ihn spielen werde.

Erschienen am 18. September 2015 auf SPIEGEL ONLINE